• Alex Milz

Hellas Mittendrin

Aktualisiert: 3. Mai

Mittelgriechenland bietet eine Vielfalt, die in Europa ihres Gleichen sucht. Da gibt es unberührte Bergregionen im Osten, einsame Sandstrände im Westen und dazwischen eine bewegende Geschichte von der Antike bis in die Moderne. Höchste Zeit dorthin aufzubrechen.



Einen besseren Start in die gemeinsame Vater-Sohn Tour hätten wir uns bei diesen Zutaten nicht wünschen können.

Der Verkehr ebbt schlagartig ab, als wir den Hafen von Igoumentisa nordöstlich Richtung Ioannina verlassen. Seit die parallel verlaufende Autobahn 2 vor zehn Jahren fertiggestellt wurde, ist es hier so richtig leer geworden. In weiten Kehren schlängelt sich die E-92 mit gutem Gripp mitten hinein ins erhabene Pindosgebirge. Wir wedeln die 90 km bis nach Ioannina bis in die letzte Kehre aus. Einen besseren Start in die gemeinsame Vater-Sohn Tour hätten wir uns bei diesen Zutaten nicht wünschen können. Einen Tag vor Abreise hat Jona noch die Prüfung für den A Führerschein bestanden. Limit ade! Ehrensache für mich, dass er meine treue Africa Twin für diese Reise anvertraut bekommt. Das fällt mir aber auch einfach, denn ich sitze auf der neuen Africa Twin CRF 1100 L, die ich für den Alpentourer auf dieser Tour teste. (siehe Alpentourer 1/2021). Wir kommen in die Zagória Region. Es ist die Gegend der gebogenen Steinbrücken.




Jetzt im Sommer fließen, wenn überhaupt kleine Rinnsale unter ihnen durch. Doch die Schneeschmelze kann aus ihnen fließende Ungeheuer machen. Um dann nicht von der Außenwelt abgeschnitten zu werden, haben die Einwohner im 18. Jahrhundert eine Vielzahl dieser gebogenen Kunstwerke bauen lassen. Ihre Erbauer beherrschten die Kunst, mit dem letzten Stein in der Mitte die Stabilität dauerhaft zu sichern. Das konnte natürlich nicht mit rechten Dingen zugehen. Also entstanden im Laufe der Jahrhunderte viele Legenden, um dieses statische Wunder zu erklären. Manchmal waren die Baumeister im Pakt mit dem Teufel oder haben wahlweise Frauen oder Jünglinge einmauern lassen.

Fast senkrecht fallen hier die Kalksteinwände bis zu 1000 Meter in die Tiefe.

In Kalpaki mitten im Herzen des Vikos-Aoos Nationalparks endet die kurvenreiche Nebenstrecke mitten auf einem Parkplatz. Wir sind bei der Vikos Schlucht angekommen. Fast senkrecht fallen hier die Kalksteinwände bis zu 1000 Meter in die Tiefe Noch dazu ist es eng in der Klamm. An ihrer engsten Stelle sind es sogar nur wenige Meter. Dieses Verhältnis zwischen Tiefe und Breite ist einmalig auf der Welt und seit 1997 auch im Guinness Buch der Rekorde verbrieft. Und wäre es mit der Einmaligkeit noch nicht genug, so setzt der Fluss Voidomatis mit seinem „saubersten Flusswasser Europas“ allem noch die Krone auf. Wir krakseln einen Trampelpfad entlang, der uns nach 300 Metern geradewegs auf ein ungesichertes Steinplateau führt. Von hier aus geht es 800 Meter in die Tiefe. Wir sichern uns gegenseitig, während wir auf dem Bauch liegend zur Felskante robben. So können wir am besten die ganze Pracht dieses unberührten Naturwunders erfassen.



Unser Hotel finden wir bei 1.200 m im abgelegenen Wintersportort Metsovo. Hier ist es so einsam, dass sich sogar Braunbären in den Wäldern tummeln. Am nächsten Morgen reißt uns eine Kakophonie der Klänge aus dem Schlaf. Die Kirchenglocken klingen so schräg, als ob sie verstimmt wären. Ist das richtig so? Ich frage die Inhaberin des Hotels. „Mein Mann ist Geiger in einem Orchester“, sagt sie „und er behauptet schon seit Jahren, dass diese Glocken heillos verstimmt sind. Wir vermuten, dass es ein Trick ist, um die Bären vom Dorf fernzuhalten“ Ob es denn hier im Ort schon einmal Bären gegeben hätte, will ich wissen. „Nein“, sagt sie lachend, „eben deshalb“ und zeigt in Richtung Kirchturm.



Fünf Kilometer nordöstlich von Metsovo beginnt der Katara Pass. Die Straße, oder vielmehr das, was davon übrig ist, schlängelt sich einsam und verlassen über den 1.705m hohen Gipfel. Schilder warnen: „Vorsicht Überquerung auf eigene Gefahr“. Der Katara Pass war mal eine bedeutende Verbindungssachse zwischen Ioannina und Trikala. Heute ist er überflüssig geworden und wird seit 10 Jahren nicht mehr gewartet. Seit dieser Zeit bohrt sich der Egnatia Motorway durch das Pindosgebirge.





Grober Schotter hat hier oben auf vielen Abschnitten den Asphalt ersetzt. Die Fahrbahndecke ist rissig und mit hohen Absätzen durchzogen. Dieses Terrain lässt unsere Herzen höherschlagen, haben wir doch die passenden Maschinen für diesen Untergrund. Während die Africa Twins die Unebenheiten souverän ausgleichen, blicken wir in die Weiten des vor uns liegenden Pineios-Tals. Auf der Passhöhe verlassen wir die raue und bergige Region Epirus und kommen in die Ebenen Thessaliens. Die ersten Kilometer sind ein angenehmes Dahingleiten auf griffigem Asphalt. Wir fahren an blauen, grünen und sogar pinken Farbkästen vorbei.


Leider hat der Straßenverkehr an der Dezimierung der griechischen Landschildkröte einen hohen Anteil. Da hilft ihnen auch ihr Panzer und ihre brillante Sehkraft wenig.

Diese knalligen Farbkleckse in der Landschaft sind Bienenstöcke, die hier zuhauf die Fahrbahnränder säumen. Auf einmal bremst Jona abrupt. Vor ihm kriecht gemächlich eine Schildkröte über die Fahrbahn. Für uns eine Sensation, für diese Gegend hier jedoch trauriger Alltag. Leider hat der Straßenverkehr an der Dezimierung der griechischen Landschildkröte einen hohen Anteil. Da hilft ihnen auch ihr Panzer und ihre brillante Sehkraft wenig. Sanft setzt er sie im gegenüberliegen Gebüsch ab. Hoffen wir, dass sie so noch ein paar lebendige Jahrzehnte vor sich hat, denn diese Urtiere stehen in ihrer Lebenserwartung uns Menschen in nichts nach. Bis zu 80 Jahre sind locker drin.





In der Ebene angekommen klettert das Thermometer wieder zügig auf 30 Grad. Da kommt uns der Obststand am Straßenrand mit seinen saftigen Früchten gerade recht. Dahinter steht ein älterer Grieche mit schlohweißen dichten Haaren. Im Hintergrund ein voll besetzter runder Tisch mit Männern, die Karten spielen. Ihrem Äußeren nach haben alle schon das Rentenalter erreicht. Der Standverkäufer zeigt auf die Runde und sagt mit leicht schwäbischem Akzent: „Meine Freunde haben alle in Deutschland gearbeitet“. Bei Opel in Bochum und bei BMW in München, erklären sie nacheinander. Der Obststandbesitzer selbst hat „beim Daimler geschafft“, wie er sagt. Wir treffen hier auf die erste Generation der sogenannten „griechischen Gastarbeiter“ die in den 1960 Jahren wegen der Militärdiktatur und der damaligen Wirtschaftsmisere nach Deutschland ausgewandert sind. Seit der Rente leben sie nun alle wieder in ihren Heimatdörfer. Fast alle Kinder und Enkel leben in Deutschland. „Wenn sie uns alle im Sommer besuchen kommen, dann ist der Ort wieder so lebendig wie früher“, schwärmt der Standverkäufer. Wir wollen die Pfirsiche bezahlen, die Jona zwischenzeitlich eingesammelt hat. Was? Für eine volle Tüte Pfirsiche nur zwei Euro? „Ja“, sagt der Grieche mit dem schlohweißen Haar, „mehr brauche ich nicht“.




Wir rollen auf Kalambaka zu. Hier ragen mächtige Felsnadeln bis zu 500 Meter in die Höhe Auf ihrem Plateau haben Mönche im 14. Jahrhundert Vogelnestern gleich die Meteora Klöster erbaut, - wer kennt sie nicht. Diese Motive haben sich, spätestens seit James Bond in tödlicher Mission hier Schurken gejagt hat, in das kollektive Bildergedächtnis eingebrannt. Wenn diese heiligen Städte von tief stehenden Wolken eingekleidet sind, scheinen Sie sogar zu schweben. Von den 24 Klöstern sind heute noch gerade mal sechs von Nonnen und Mönchen bewohnt, der Rest ist wegen Einsturzgefahr gesperrt. Als wir ankommen, steht einsam und verloren nur ein Reisebus auf dem riesigen Parkplatz. Wir erklimmen die 143 Stufen des Klosters Metamorphosis, dass mit seinen 765 Jahre das älteste Gebäude von Meteora ist. Während sich hier zu normalen Zeiten Massen an Menschen entlangschieben, geben die wenigen Besucher diesem Ort seine andächtige Stille zurück.



Mittags setzt Regen ein. Wir finden Unterschlupf in einem kleinen Café unterhalb der Klosterfelsen und warten auf Carsten. Ich kenne den leidenschaftlichen GS-Fahrer aus Thessaloniki erst seit ein paar Wochen über die sozialen Medien. Als er hörte, dass wir mit Motorrädern in Griechenland unterwegs sind, hat er sich sofort angeboten uns ein paar seiner Hausstrecken zu zeigen.



Eine halbe Stunde später sitzt er neben uns und schaut enttäuscht drein. Sein Plan mit uns auf Tour zu gehen, wurde von einem beruflichen Termin durchkreuzt. Er muss nach Westmakedonien in ein kleines Bergdorf, um an einer Gedenkfeier für die Opfer des zweiten Weltkriegs teilzunehmen. Es stellt sich heraus, dass Carsten nicht nur leidenschaftlicher BMW-Fahrer ist, sondern auch noch stellv. deutscher Generalkonsul in Nordgriechenland. Die Gedenkfeier in diesem abgelegenen Ort nahe der albanischen Grenze hat mehr mit Deutschland zu tun als wir ahnen. Er klärt uns auf: „Der griechische Widerstand war gegen Hitler Deutschland sehr aktiv und die Vergeltungsmaßnahmen äußerst grausam.

In vielen griechischen Dörfer dieser Region verübte die Wehrmacht willkürliche Massaker an der Dorfbevölkerung.

In vielen griechischen Dörfer dieser Region verübte die Wehrmacht willkürliche Massaker an der Dorfbevölkerung. Es ist ein Teil der Geschichte des 2. Weltkriegs, der bei uns leider so gut wie gar nicht bekannt ist“. Dann fragt er uns ohne Umschweife: „Habt Ihr Interesse mit zu kommen?“ Ja, wenn das so einfach geht? Klar sind wir dabei. Kurze Zeit später rollen wir nach Osten in Richtung Kozani. Die Sonne verschwindet gerade hinter den Bergen, als wir fernab aller Touristenströme in dem kleinen Bergort Lechovo eintreffen. Das Dorf selbst ist in den Hang gebaut. Schmale Gassen mit Kopfsteinpflaster führen von der Hauptstraße steil nach oben zu den Häusern. Auf der Suche nach unserer Pension biegen wir prompt falsch ab und trainieren mit unseren schweren Maschinen die Kunst am Steilhang zu drehen. Die kleine Pension erreichen wir dann drei Gassen weiter. Vor der Tür steht schon ein Begrüßungskomitee. Es sind die Honoratioren des Dorfes, mit denen Carsten hier verabredet ist. Eigentlich warten sie auf eine schwarze Limousine mit Fähnchen am Kotflügel. Als sich Carsten unter seinem Helm vorstellt, bekommt er kurz ungläubige Blicke, wenig später dann ein herzliches Kali Spera – Guten Tag. Ein Übersetzer ist direkt zu Stelle. Es ist Georgios, der Elektriker, der viele Jahre in Berlin gelebt hat und der Liebe wegen in sein Heimatdorf zurückgekehrt ist. Abends dann erleben wir die Gastfreundschaft der Lechoviten. Der Tisch in der Taverne wird einfach nicht leer. Hinzu kommen einige Gläser Tsiporou, ein Tresterbrand, der mit Wasser verdünnt getrunken wird. Wir reden mit dem Bürgermeister über die grausamen Tage vor 76 Jahren.



„Alle Dörfer haben hier das gleiche Schicksal erlebt, und die Gedenktafeln tragen die Namen Hunderter Opfer. Die Deutschen haben willkürlich die Dorfbewohner als angebliche Partisanen ermordet und ihre Häuser angezündet.“ Er nippt an seinem Tsipourou und fügt hinzu, dass solche Wunden nur gemeinsam heilen können. Dann berichtet er voller Stolz von einem deutsch-griechischen Erinnerungsprojekt, das es geschafft hat, die alten Partisanenpfade zu Wanderwegen auszubauen. Diese sogenannten Friedenspfade durchziehen die ganze Region. Hätten wir mehr Zeit, dann würde er gerne mit uns wandern gehen, fügt er noch an. Dann hebt er sein Glas und sagt: „Gut, dass Ihr heute hier seid“. Am nächsten Morgen füllt sich der Dorfplatz mit Jung und Alt. Direkt vor der Kirche steht das ehrenvoll geschmückte Mahnmal für die Opfer des Massakers. Der Andacht und dem Segen des Bischofs folgen bewegende Ansprachen der Würdenträger. Es ist viel von Frieden und Versöhnung die Rede und von einer gemeinsamen Verantwortung für die Zukunft Europas. Dann folgen Kranzniederlegungen mit Verneigung oder einem Salut, je nach Rang oder Funktion. Wir stehen bewegt am Rande, Georgios an unserer Seite, der alles übersetzt. Selten haben wir in nur 18 Stunden eine solche Erlebnisdichte gehabt. Als wir aus dem Ort herausrollen, hängt mir ein Gedanke von den Gründern der Friedenspfade nach. Was wäre, wenn alle Frontlinien dieser Erde zu Friedenswegen würden? Dann wären nicht nur abertausende an Kilometern miteinander verbunden, sondern auch die Menschen. Eine reizvolle Idee.



Wir biegen nach Westen ab zur ägäischen Küste. Unser Ziel ist der Olymp, mit 2917 m Griechenlands höchster Berg. Regen setzt ein und verwandelt die Straße zu einer schmierigen Oberfläche. Entsprechend achtsam steuern wir der Heimstätte der Götter entgegen. Als wir ankommen, klart es zwar auf, doch der höchste Berg Griechenlands steckt noch in den Wolken fest. Wir checken auf einem kleinen Campingplatz direkt am Meer ein. Die Nacht bleibt trocken, doch am nächsten Morgen zieht ein neues Regenband heran. Wir geben Gas, um es noch trockenen Fußes zum Olymp zu schaffen. Die Anfahrt von Litochoro bis zum Weiler Priónia auf 1.100 m ist ein 18 km langer asphaltierter kurviger Genuss. Oben angekommen finden wir eine Schutzhütte mit einer kleinen Taverne. Der Hunger treibt uns zu einem der kleinen Tische. In der Auslage bestellen wir ein Dutzend Spanakotiropites, kleine Spinatstrudel in Blätterteig, dazu griechischen Kaffee und Quellwasser, das mittels einer kleinen Leitung direkt von den Bergen in die Taverne abgezweigt wird. Unsere Welt ist hier oben mehr als in Ordnung. Nur sechs Kilometer und wir würden auf 2.100 m eine Idee bekommen, wie Zeus auf die Welt geschaut hat. Doch der Regen wird kräftiger und der Nebel dichter. Anscheinend will der Göttervater heute keine Gäste empfangen.


Herkules kenne ich natürlich, aber seine Verwandtschaftsverhältnisse hatte ich nicht drauf.

Wir nehmen es ihm nicht krumm und suchen dafür die Sonne weiter unten im Süden auf der Halbinsel Pilion, die einem kleinen Horn gleich in die Ägäis ragt. Es ist die Heimat der Zentauren, kriegerische mythische Wesen, halb Mensch, halb Pferd. Eigentlich keine angenehmen Gesellen, bis auf Cheiron. Er war Lehrer und Erzieher von Herkules, dem Sohn von Zeus. „Aber den kennst Du Papa, oder?“ Herkules kenne ich natürlich, aber seine Verwandtschaftsverhältnisse hatte ich nicht drauf. Jona ist eindeutig sattelfester in der griechischen Mythologie als ich. Wir wollen Pilion einmal umrunden und entscheiden uns von Osten her zu starten. Vorbei an Apfelplantagen schlängeln wir uns in den Süden der Halbinsel. Eng sind die Straßen hier, verdammt eng sogar, mit teils steil ansteigenden unübersichtlichen Kehren, noch dazu ist der Asphalt höllisch glatt. Das macht uns wachsam, aber schreckt uns nicht. Im Gegenteil, auf unseren roten Reisedampfern flanieren wir durch Eichenwälder, die sich manchmal für einen kurzen Moment lichten und freie Sicht auf die tiefblaue Ägäis gewähren, um im nächsten Moment von Olivenhainen abgelöst zu werden. Bei Milina biegen wir zur Südspitze ab. Die frisch geteerte Straße bringt uns geradewegs nach Trikeri, ein Fischerdorf an der äußersten Südspitze gelegen.






Wir rollen im Schritttempo durch die engen weißgekalkten Gassen, vorbei an türkisfarbenen und blauen Türen. Dann sehen wir ein Fischrestaurant mitten auf einer langgezogenen Mole. „Mittagspause“ ruft Jona mir zu und zeigt auf die Tische. Einige Fischer sitzen an den kleinen Anlegern in ihren knallroten oder tiefblauen Fischerbooten und knüpfen die Netze. Das Meer glitzert dazu in der Mittagssonne. Moment mal, ist diese Idylle echt oder inszeniert? Das ist hier doch in Wirklichkeit ein Freilichtmuseum. „Selbst ohne Pandemie geht es hier genauso gemächlich zu, wie ihr es jetzt erlebt“, versichert uns der Kellner. Wir suchen uns sieben Barbunya - Rotbarben aus einer Eistruhe aus. Wenig später steht der fangfrisch gegrillte Fisch, knoblauchduftend vor uns. Aus Trikeri bekommt uns heute keiner mehr weg, das ist klar.




Als wir am nächsten Morgen unsere Umrundung auf der Westseite fortsetzen, kreuzen wir kurz vor Volos immer mal wieder schmale Bahnschienen. Das macht uns neugierig. Beim nächsten Tankstopp erfahren wir vom Tankwart mehr darüber. Es gibt in der Tat eine Bahn, die Karvounis – die kleine Schwarze, mit der man sich vom Dorf Ano Lehonia bis in das Bergdorf Millies im Herzen von Pilion schaukeln lassen kann. Die 1904 fertiggestellte Strecke quert alte Brücken und führt über eine 30%ige Steigung an urigen Bergdörfern vorbei. Doch wir müssen auf diese nostalgische Fahrt verzichten, fährt sie doch nur an Wochenenden und heute ist Montag. Mit all der Enge hier und dem Wissen um diese schmale Bahn sind wir uns sicher in Wahrheit Jim Knopf´s Lummerland entdeckt zu haben.

„Komm und nimm sie“, Leonidas Antwort an den Perserkönig Xerxes, der den Spartaner bei einer Kapitulation freien Abzug angeboten hatte.

Hinter Volos gehen wir das erste Mal mangels attraktiver Alternativen auf die Autobahn in Richtung Athen. Hinter Lamia zeigt Jona auf einen staubigen Parkplatz. „Hier ist es“ höre ich ihn über die Bikercom sagen. Vor einem eingezäunten Gelände stoppen wir. Schwefelgeruch dringt uns in die Nase. Dahinter strömt eine 40° Grad warme Thermalquelle aus einem Felsen in ein kleines Naturbecken. Wir stehen auf geschichtsträchtigem Boden. Genau hier lag in der Antike der Thermophylen-Pass. Leonidas, König von Sparta kämpfte hier vor 2.500 Jahren mit 300 seiner Soldaten gegen eine persische Übermacht. Die Griechen hatten keine Chance und keiner überlebte. Eine der antiken Heldengeschichten über Ehre und Tapferkeit, die in den folgenden Epochen für alles Mögliche hochstilisiert wurde. Wir wechseln die Straßenseite und stehen vor der bronzenen Statue des Spartanerkönigs, der heroisch Speer und Schild in die Höhe hält. Auf einem Schild unter der Statue steht in griechisch „Komm und nimm sie“, Leonidas Antwort an den Perserkönig Xerxes, der den Spartaner bei einer Kapitulation freien Abzug angeboten hatte.






Die 80 km lange Küstenstraße von Itea nach Nafpakos sind für uns ein Hochgenuss. Ausladende Kurven und das türkisfarbene Meer zur Linken sorgen für den richtigen Schwung. Unser heutiges Etappenziel ist die Insel Lefkada und wir sind gut in der Zeit. Der Sprung ins ionische Meer ist nicht mehr weit. Doch der Zufall schreibt eigene Pläne. 50 km vor Lefkada passiert das, was keiner braucht. Der Hinterreifen ist platt wie eine Flunder. Wir sind doppelt verflucht, denn die Africa Twin hat Schlauchreifen. Da kommt in der Mittagshitze richtig Arbeit auf uns zu. Reifen raus, das klappt gut - Reifen rein, das klappt nicht. Egal was wir machen, wir bekommen den steifen Reifenwulst nicht über die Felge. Es ist zum Verzweifeln. Völlig durchgeschwitzt geben wir zwei Stunden später entnervt auf.



Wir wuchten das Hinterrad aufs zweite Motorrad und ich düse in den nächsten Ort, um einen Reifenhändler mit passendem Gerät zu finden. Die erste Tankstelle hat alles, was es braucht und nach einer Stunde rollen wir endlich wieder. Doch der Tag ist gelaufen. Nach all der Plackerei lassen wir unseren Campingplatz sausen. Wir brauchen jetzt ein Stück Luxus. Im kleinen Fischerort Nikiana finden wir ein Wellness Hotel. Kurze Zeit später liegen wir im Pool mit Fernblick auf die Bucht von Lefkada. Die untergehende Sonne färbt den Himmel tieforange ein.



Für uns beginnt die letzte Nacht bei den Hellenen. Wir schnaufen durch und prosten uns zu. Die letzten 10 Tagen fahren wir dabei gedanklich nochmals nach. Wir haben gerade mal ein Bruchteil des Landes erkundet. Dann sprechen wir über unsere nächste Tour in Griechenland. Es soll in den Norden gehen.









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