Es lebe der Bikertreff
- Alex Milz

- vor 5 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Die neue Saison naht und mit ihr öffnen wieder die Bikertreffs. Dann werden die harten Gartenmöbel aus den Schuppen geholt, die Holzbänke entstaubt und die Ausgabeklappen geölt. Eine kleine Hommage zwischen Knackwurst und Fluchtimpuls.

Die kurvenreiche Hausstrecke muss zwar nicht zwingend dort enden, doch sie tut es meistens: an dem Bikertreff. Vorbei geht es an den vielen heimeligen Cafés am Wegesrand mit ihren frischen Kuchen geradewegs zur rustikalen Bierbank. Denn hier warten zweirädrige Gemeinsamkeiten, die eine beinahe magische Anziehung auf alle entfalten, die motorisiert unterwegs sind. Es ist ein Ort, an dem jeder weiß, was ihn erwartet: Gleichgesinnte (was zwar noch zu beweisen wäre), Kaffee, Pommes, Bratwurst und manchmal trockener Kuchen. Dazu Motorräder aller Klassen und Hersteller.
Wäre dies ein Werbeprospekt, stünde hier vermutlich: Bikertreff Zur Mühle – ein Stück Verlässlichkeit in einer sich immer schneller drehenden Welt - bei Barzahlung mit Knackwurst.

Im Kern ist es die gute alte Eckkneipe der 1970er-Jahre, nur am Wegesrand, ohne Alkohol, dafür mit Zigaretten und jeder Menge Kohlenhydraten. Der Glimmstängel ist hier noch legitim und der wirkt in der Hand eines Ü50ers keineswegs komisch oder gar anrüchig. Hier rauscht kein mahnender Zeigefinger nach oben und die Moralapostel halten sich zurück. Alles scheint wie immer: einschätzbar, verlässlich und damit vorhersagbar – selbst der bittere schwarze Filterkaffee, der in alte Kaffeepötte mit gebräunten Rändern gekippt wird.
All das ist umrahmt von einer bemerkenswerten Ansammlung von Motorrädern. Fällt der Besuch auf einen Sonntag, wird es brechend voll.
Wer jedoch glaubt, hier träfen sich besonders kontaktfreudige Zeitgenossen, die den Austausch mit Gleichgesinnten suchen, wird enttäuscht. Hier herrscht vielmehr die Kunst der konzentrischen Ordnung: jede Gruppe ein kleiner Kreis und selbst im kleinsten dieser Kreise bleibt man unter sich – Nähe streng dosiert, es sei denn, man kennt sich. Dann gibt es ein freundliches Nicken, ein ‚wie gehts’, ein ‚alles klar’ oder manchmal auch ein ‚läuft sie wieder?‘. Dazu deftige Speisen, viel Kaffee und Benzingespräche auf harten Holzstühlen und Bierbänken, wie sie schon bei meiner Oma im Garten standen.
Oft stehen die Biker, wie in einem guten alten Western, an der Saloonbrüstung und taxieren jede Bewegung der knatternden Neuankömmlinge. Ihre Gesichter sind so düster wie des Schurken Knuckles in "Spiel mir das Lied vom Tod". Wehe dem, der eine falsche Bewegung macht oder gar ein Fehltritt und mitsamt dem Bike am Boden liegt. Dann kriecht die Scham bei den Unglücklichen durch alle Glieder und die Schadenfreude der Herumstehenden in ihre Gesichter.
Doch die Kommunikation findet nicht nur zweisilbig statt. Sie kann leidenschaftlich geprägt sein von Reifenmischungen, mechanisch wichtigen Ersatzteilen, Markenbashing, Gadgets und anderem Fummelkram. Abgesehen vom Öl, das gelegentlich ins Spiel kommt, ist nichts schmierig. Nichts geht tief – außer vielleicht der Blick in den Motor.
Alles bleibt gut erfassbar und flüchtig wie die Perlen in einem Sektglas. Und genau das ist für viele so wohltuend, die wochentags in ihren Berufen tief schürfen müssen, geistig wie körperlich.
Für jene hingegen, die ohnehin an der Oberfläche arbeiten, ändert sich wenig. So bleibt alles herrlich flach und entspannt. Man bleibt beieinander, ohne sich näherzukommen. Ganz so wie der verbindende Bikergruß unterwegs: dieses Zeichen der Zugehörigkeit, das sich spätestens auf dem Parkplatz des Bikertreffs wieder auflöst.
Irgendwie ist das die richtige Dosis für einen kleinen Ausflug am Wochenende. verchromte Sahneschnitte auf dem Parkplatz, eine deftige Mahlzeit vor sich und durchdrungen von dem Gefühl, dass dieser Ort für diesen Moment richtig ist.

Also, lasst die neue Saison kommen. Es lebe der Bikertreff - nicht mehr, aber auch nicht weniger.




















Das war es wieder….Ein Milz a la carte 😎 Chapeau mon ami
feine Ironie, mein Lieber.
"Fluchtreflex"ist für mich das zentrale Wort.
Oh, ich treffe mich gerne mit Menschen, die mir was bedeuten.
Aber ganz sicher (fast) nie an sogenannte Bikertreffs.
Eher an stillen Orten, wo man hört, was die anderen wirklich zu sagen haben :-)
"Man bleibt beieinander, ohne sich näherzukommen." Sehr fein beobachtet, lieber Alex. Es ist jedes Mal aufs Neue unterhaltsam, wie leidenschaftlich auf dem Weg zum Pass oder Treffpunkt gegrüßt und gewinkt wird, weil man ja eine "große Familie", nicht nur Gemeinschaft ist - und dann, im Ziel, ist jeder für sich der Coolste von allen ;-) Grandioser Text, Danke dafür! Griass - JvS